Kopf schlägt Kapital von Günter Faltin, gelesen von Stephan Reimertz

Motivierendes Buch: es ist Zeit sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen

* Wertung: ****
* Hörbuch
* Sprecher: Stephan Reimertz
* Anzahl CDs: 6 + 1

Vorbemerkung
Vor der Rezension muss ich eine ausführliche Vorbemerkung anbringen, stellt euch also auf eine lange Rezension ein.
Denn: dieses Buch dreht sich um einen Themenfeld, in dem ich seit 1999 massiv tummele. Als Gründer, als Student, als Dozent und als Berater habe ich die Materie Entrepreneurship von allen mir denkbaren Seiten ergründet.
Deshalb habe ich in den letzten zehn Jahren natürlich meine eigene Sicht der Dinge entwickelt. Diese entspricht in vielen Punkten nicht der von Prof. Faltin.

Dies liegt nicht nur an meinen Erfahrungen, sondern zum Teil auch an meiner Vorbildung, Volkswirt mit Schwerpunkt Spieltheorie – diese habe ich an der Humboldt-Uni bei Prof. Schade massiv auf Entrepreneurship angewandt. Dann sehe ich mich als digitaler Boheme, als Gewächs eines ganz speziellen großstädtischen Biotops, der allein schon generations- und prägungshalber eine völlig andere Sicht auf viele gesellschaftliche Dinge hat als Professor Faltin. Ich gehöre also aufgrund meiner Vorbildung definitiv nicht zur Zielgruppe dieses Buchs.

Weiterhin komme ich mit dem in dem Buch vorherrschenden gepflegt provokanten Stil (bspw. alle Gründerberater sind schlecht) und der induktiven Beweisführung (Fallstudie als Beleg eines Zusammenhangs) nicht zurecht. Auch dies Geschmackssache.

Zusammengenommen bringt mich dies dazu, die für dich, geneigter Leser, relevanten Teile des Hörbuchs herauszustreichen und meine theoretischen und praktischen analytischen Differenzen hintanzustellen, sie tun hier nichts zur Sache.
So schließe ich also meine langatmige Vorbemerkung und starte mit der Rezension 😉

Das Hörbuch: Kopf schlägt Kapital
Günter Faltin, bekannt als Gründer der Teekampagne und in der Berliner und Deutschen Gründerszene eine herausragende Gestalt, beschäftigt sich in „Kopf schlägt Kapital“ mit konzeptkreativen Gründungen. Dies sind Gründungen dergestalt, dass man bestehende Konzepte umschmeißt und Märkte neu erschließt, ganz allgemein Wege findet, die bisher so noch nicht gegangen wurden. Es geht Prof. Faltin nicht um die Erfindung eines neuen Produktes, sondern um das klassische: wo ist der Tellerrand und was sehe ich, wenn ich darüberschaue.

Am Beispiel der Teekampagne dargestellt: Tee, den gibt es in kleinen Mengen, Dutzende von Zwischenhändlern liefern ihn, der Kunde will nur kleine Mengen beim Fachhändler kaufen. Die professionelle Teebranche war überrascht, dass sich diese Grundsätze so leicht umgestoßen lassen. Denn die Teekampagne kauft direkt beim Hersteller, verkauft den Tee über Versand in Großpackungen einmal im Jahr. Und es funktioniert. Mit diesem Konzept ist die Teekampagne weltweit größter Darjeelingverkäufer geworden.
Neu an dieser Idee ist nicht der Tee, neu ist der Vertriebsweg, die Verpackung, die Schadstoffkontrolle sowie die Ausschaltung all der teuren Zwischenhändler, neu ist also das Konzept. Was damals als Demonstrationsprojekt für Studenten gedacht war, ist heute ein florierendes Unternehmen, das durch kreatives Nachdenken entstanden ist.

Günter Faltin bringt viele bunte Beispiele aus verschiedenen Branchen, analysiert die Besonderheit der Modelle und zeigt anschaulich, wie der Hörer aus seinem selbstgeschaffenen Gefängnis ausbrechen kann und endlich etwas unternehmen kann – im doppelten Sinne.
Das Hörbuch verbreitet Optimismus, mir kommt zwangsläufig der alte Hobbythek-Song in den Sinn: „Schalt mal ab und schalt dich an, sei doch einmal selbst der Mann“. 😀
Im analytischen Teil habe ich, wie oben erwähnt, grundlegende Differenzen mit Prof. Faltin. Diese werde ich hier allerdings nicht auswalzen, dieses Blog ist dafür nicht das Forum.

Die Produktion
Genau solche Sachbücher sind es, warum wir mit den berliner hörspielen angetreten sind. Das geht wirklich und wahrhaftig um Klassen besser. Rein technisch ist die Produktion auf hohem Niveau. Mir sind für 6 CDs nur wenige Versprecher oder Produktionsfehler aufgefallen, der Klang ist auch angenehm.

Nur: allein das Handwerk reicht nicht. Es hätte auch einen ordentlichen Sprecher gebraucht, und einen kreativen Produzenten, der ein Sachbuch zum Leben erwecken kann.
Stephan Reimertz, seines Zeichens laut Wikipedia Kunsthistoriker und Romancier – das Internet findet tolle Bücher von ihm, spricht die sechs CDs mit monotoner Stimme, haucht auch den ermunternden Stellen kein Leben ein und im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass er ein Drittel aller Wörter in ironischen Anführungszeichen „spricht“ – ob sinnvoll oder nicht.
Diese Produktion bestärkt mich in meinem Credo: Sachbücher immer vom Autor lesen lassen – oder zumindest von einem hervorragenden Schauspieler. Enthusiastische Amateure in allen Ehren: Sachbücher sind für mich die Königsdisziplin der Hörbuchbranche, die größte Herausforderung für den Sprecher. Dieser muss die Materie beherrschen – und wer beherrscht sie besser als der Autor? – oder eben ein abgebrühter Profi sein.
Btw: es stößt seltsam auf, wenn der Sprecher wie hier als Ich-Erzähler von seinen Erfahrungen berichtet, aber es eben selbst nicht ist.

Und nun weiter mit der Kritik: die einzigen Sounds auf dem Hörbuch sind Gongschläge, die das Ende oder den Anfang eines Kapitels anzeigen. Sachbücher sind qua definitionem trocken, da kann eine musikalische Auflockerung nur helfen, den Druck vom Hörer zu nehmen. Kein Hörer kann immer nur konzentriert zuhören. Der Hörer braucht Atempausen, entweder seichte Textstellen oder Musik. Ein anderer Sprecher für die vielfältigen, spannenden Zitate hätte auch Druck vom Hörer genommen. Nicht in diesem Hörbuch, leider.

Alles in allem habe ich mehrere Anläufe gebraucht, „Kopf schlägt Kapital“ durchzuhören. Vielleicht wäre auch die Kürzung auf maximal drei CDs die Lösung gewesen? Die Produktion macht leider vieles kaputt, was an Motivation durch den Inhalt entsteht.

Fazit
Günter Faltins positive und ermunternde Art durchzieht das gesamte Buch und genau dieser Grundtenor ist es auch, warum ich im Endeffekt nicht weniger als vier Sterne geben konnte. Denn dieser Optimismus ist es, den wir brauchen, soll ein „Ruck durch Deutschland“ gehen.
Warum also nach soviel Kritik trotzdem noch vier Sterne? Da gibt es zwei Gründe, einerseits der Optimismus, andererseits das als Zugabe beigelegte Interview mit Muhammad Yunus, ich tendiere deshalb dazu, dieses Hörbuch vor allem für Hörbuchjunkies zu empfehlen. Allen anderen rate ich zur Buchausgabe. Diese dann aber unbedingt kaufen, keine faulen Ausreden!

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